Die prämierte Studie befasst sich mit der Rolle ökonomischer Expertise bei der Umsetzung des EU Digital Markets Act (DMA). Der DMA ist ein zentrales Instrument der Europäischen Kommission, um die Macht großer digitaler Plattformen („Gatekeeper“) einzudämmen und faire Wettbewerbsbedingungen zu fördern. Er erlegt den großen Big Tech-Unternehmen strenge Verhaltenspflichten auf. Der EU-Gesetzgeber setzt dabei bewusst auf formaljuristische Regeln und verzichtet weitgehend auf klassische ökonomische Bewertungsmaßstäbe wie Marktabgrenzungen oder Effizienzanalysen.
Das Autorenteam Amelia Fletcher, Jacques Cremer, Paul Heidhues, Gene Kimmelman, Giorgio Monti, Rupprecht Podszun, Monika Schnitzer, Alexandre de Streel, Fiona M. Scott Morton zeigt auf, warum ökonomische Expertise auch unter regulatorischen Vorgaben unverzichtbar bleibt. Eine sinnvolle Anwendung des DMA ist nur möglich, wenn ökonomische Erkenntnisse - unter anderem aus der ökonomischen Verhaltensforschung - berücksichtigt werden.
Der ausgezeichnete Beitrag unterstreicht:
- Ökonomie bleibt entscheidend, um die Ziele des DMA – Marktöffnung (Contestability) und Fairness – tatsächlich zu erreichen. Dies gilt insbesondere für die praktische Anwendung und Durchsetzung der Regelungen.
- Die komplexen Eigenschaften digitaler Märkte wie starke Netzwerkeffekte, Lock-in-Effekte und asymmetrische Informationsverteilungen erfordern eine ökonomisch präzise Analyse des Marktverhaltens.
- Besonderes Augenmerk legt das Forschungsteam auf verhaltensökonomische Mechanismen, die Nutzerentscheidungen durch Plattformdesigns beeinflussen („Nudging“). Diese Erkenntnisse sind zentral, um die Wirkung regulatorischer Eingriffe realistisch einschätzen zu können.
- Ohne eine ökonomisch fundierte Umsetzung drohen sowohl Überregulierung (mit negativen Effekten auf Innovation) als auch Unterregulierung (mit unzureichenden Effekten auf Wettbewerb).
Der Aufsatz ist ein Produkt der sogenannten "Yale Tobin Group": In dieser Gruppe treffen sich unter der Leitung der Ökonomin Fiona Scott Morton von der Yale University regelmäßig Wettbewerbsexperten, um Fragen der digitalen Ökonomie transatlantisch zu diskutieren.
Der jährlich verliehene Antitrust Writing Award, organisiert von Concurrences in Kooperation mit dem George Washington University Competition Law Center, zeichnet weltweit herausragende Veröffentlichungen im Kartell- und Wettbewerbsrecht aus. Die Entscheidung basiert auf wissenschaftlicher Qualität, Innovationskraft und praktischem Einfluss.
Der Aufsatz findet sich hier: https://academic.oup.com/jcle/article/20/1-2/1/7513584?searchresult=1
Die Aufsätze der Yale Group sind hier als Working Paper abrufbar: https://tobin.yale.edu/digital-economy/policy-discussion-papers
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Paul Heidhues
Professor für Verhaltens- und Wettbewerbsökonomie
Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE)
heidhues(at)dice.hhu.de
Prof. Dr. Rupprecht Podszun
Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, deutsches und europäisches Wettbewerbsrecht
LS.podszun(at)hhu.de