"Ich hoffe sehr, daß von den bundesweiten Protesten der Studenten Ende des gerade vergangenen Jahres noch einige Spuren im öffentlichen Gedächtnis geblieben sind." Mit diesen Worten begann der Rektor der Heinrich-Heine-Universität, Prof. Dr. Gert Kaiser, seine Rede zum traditionellen Neujahrsempfang am 27. Januar 1998. Vor zahlreichen Gästen aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Diplomatie erinnerte der Rektor an die studentischen Aktionen zur Jahreswende und zitierte die Kritik des renommierten US-Journals "Nature" am deutschen Hochschulsystem: "There is a widespread agreement in Germany that the university system has gone badly wrong, dragged down by the very post-war ideals on which it is based: the decentralization of political responsibility for cultural and educational matters, and the guarantee of free places for all high-school graduates. This discontent has been symbolizend by the broad support for this autumn's student strikes."
Rektor Kaiser zur derzeitigen "kritischen Phase" an den deutschen Universitäten: "Dabei geht es nicht allein um mehr Geld, es geht auch darum, daß man uns erlaubt, die wirklich notwendigen Schritte auch gehen zu dürfen. Bisher ist ein richtiger Wettbewerb zwischen den Universitäten, auch ein Wettbewerb um Studenten, durch ein Dickicht von Vorschriften verhindert. Ich will gerne zugeben, daß es manchmal bequemer ist, wenn wenig Wettbewerb herrscht und daß man sich leicht daran gewöhnen kann. Aber auf Dauer ist es tödlich."
Als Beispiel für Leistungs-Wettbewerb führte Rektor Kaiser das Feld der Drittmittel an. Aus den USA sei der Ausdruck "research universities" bekannt, "es sind diejenigen, die nennenswerte Forschungsmittel einwerben und internationale Forschung vorzeigen können", die aus dem "großen Meer der Mittelmäßigkeit und der universitären Zweitklassigkeit herausragen." Und weiter: "Diese ungenierte amerikanische Differenzierung zwischen Mittelmaß und Klasse war in Deutschland lange verpönt. Erst jetzt, erst seit dem vergangenen Jahr, hört man öfter mal den Begriff ,Forschungsuniversität' auch in Deutschland. Grundlage dafür ist eine Erhebung, die man eigentlich schon vor dreißig Jahren hätte machen können, an die aber niemand heranwollte: eine gemeinsame Erhebung nämlich von Deutscher Forschungsgemeinschaft und Hochschulrektorenkonferenz, an welche Universitäten denn die meisten Forschungsgelder fließen."
Das verblüffende Ergebnis dieser Untersuchung, so Kaiser: " 90% der Forschungsgelder der DFG - das sind über 7 Milliarden zwischen 1991 und 1995 - werden von nur 45 Universitäten eingeworben. Die restlichen 10% verteilen sich auf die übrigen etwa 50 Universitäten - Fachhochschulen nicht miteingerechnet, denn sie können ja keine Anträge auf diese Forschungsmittel stellen. Und diese Top fourty-five, diese 45 Universitäten also, fangen an, sich ,Forschungsuniversitäten' zu nennen."
Rektor Kaiser zur Düsseldorfer Position in diesem Ranking: "Wir sind auf Rang 18, wenn man die Bewilligung je Professur mißt. Und wenn man die Bewilligungen nach Wissenschaftsbereichen mißt, dann sind wir auf Rang 27. Das heißt: wir gehören zum zweiten Drittel der Top-Universitäten und das heißt im Klartext: there is room for improvement."
Wie es zu diesem Platz komme? "Das verrät die Statistik auch, wenn man nach den bewilligten Drittmitteln je Professor in einem Wissenschaftsbereich fragt. Da haben wir einen sensationell guten Platz in den Geistes- und Sozialwissenschaften. In diesem Wissenschaftsbereich hat Düsseldorf den Rang 4 von allen Universitäten, von der auf Platz 3 liegenden Universität Freiburg nur durch eine Stelle hinter dem Komma getrennt. Und ziemlich gut sind wir auch in dem Wissenschaftsbereich Biologie/Medizin: da halten wir den Platz 20 von allen Universitäten."
Zum Schluß sprach Rektor Kaiser die internationale Situation, die Globalisierung der Wissenschaft an. "Bei der Positionierung im internationalen Wettbewerb ist man noch auf eher subjektive Eindrücke angewiesen - und auf die Art, wie man sich international verkauft. Wir sind da offenbar nicht schlecht - und deshalb will ich an dieser Stelle all den vielen Kolleginnen und Kollegen ganz besonders danken, die sich auf internationalem Parkett bewegen." Und weiter. "Gewiß - die Forschung ist nur eine unserer drei Hauptaufgaben. Dazu gehören die Lehre und die Krankenversorgung. Und wirklich Exzellenz hat eine Universität erst, wenn sie in allen drei Bereichen erstklassig ist. Wir arbeiten daran."
Neujahrsempfang 'Forschungsuniversität Düsseldorf'
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Pressemeldungen