"...Ich weiß nicht, in welchem Land auf der Welt / hat Heine mehr Leser als bei den Chinesen?" So beginnt das Gedicht "Warum sind wir hier versammelt?", geschrieben von der Lyrikerin Ke Yan, von ihr vorgetragen zur Eröffnung des Heine-Symposiums in Peking. Literaturwissenschaftler, vorwiegend aus dem asiatischen Raum, trafen sich vom 14. bis 20. September in der chinesischen Hauptstadt, um im Heine-Jahr 1997 (200. Geburtstag) neueste Forschungsergebnisse zu diskutieren. Organisiert hatten die Veranstaltung die Universität Peking und die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Das Symposium machte deutlich, daß es in Europa und Asien sehr unterschiedliche Interpretationsansätze zum Werk Heines und seiner Persönlichkeit gibt. "Es zeigte sich aber auch", resümiert Prof. Dr. Bernd Witte vom Germanistisches Seminar der Heinrich-Heine-Universität ," daß diese verschiedenen Perspektiven unvermittelt nebeneinander bestehen können. Das ist eben das Neue."
Die Rezeption des bekanntesten deutschsprachigen Autors in China etwa ist stark politisch geprägt. Heine gilt als Revolutionär, als politischer Dichter, der kämpferische Texte schrieb. Prof. Zhang Yushu von der Deutschen Abteilung der Peking-Universität sah Heine als Weltbürger und Literaten. Der bekannte chinesische Germanist - er ist Herausgeber der chinesischen Heine-Gesamtausgabe - stellte aktuelle Bezüge her, indem er Heine als "Warner gegen die Rattenfänger in der Politik" charakterisierte.
Die japanische Heine-Rezeption, das wurde deutlich, bewegt sich nach einer stark politisierten Ausrichtung in den 60ern eher in Richtung einer Rückbesinnung auf das Werk an sich. In Südkorea wird vornehmlich der romantische Lyriker Heine geschätzt. Die Düsseldorfer Teilnehmer des Symposiums , die Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Bernd Witte, Prof. Dr. Joseph A. Kruse und em. Prof. Dr. Wilhelm Gössmann, skizzierten die Vielfalt der europäischen Interpretationsansätze, die sich bereits beim Heine-Kongreß in der Universität Düsseldorf im Mai gezeigt hatte. Heine als politischer Denker, Heine als Begründer der modernen Dichtung, Heines jüdische Wurzeln: Vieles steht nebeneinander, ergänzt und überschneidet sich. Trotz der unterschiedlichen Sichtweisen in Asien und Europa: Bei der Abschlußveranstaltung wurde gemeinsam auf deutsch die "Loreley" gesungen.
Die Stadt Düsseldorf wird auf das Symposium reagieren und dem Germanistischen Seminar der Peking-Universität die Historisch-Kritische Gesamtausgabe Heines schenken ("Düsseldorfer Ausgabe"). Mitglieder der Heine-Gesellschaft werden auf Anregung von Prof. Gössmann Patenschaften übernehmen, so daß eine größere Zahl von chinesischen Wissenschaftlern Mitglied werden kann und das für die Forschung so wichtige Heine-Jahrbuch erhält.
Die Vorträge des Symposiums sollen demnächst in gedruckter Form erscheinen, auf deutsch und in chinesischer Übersetzung.
Für weitere Informationen: Prof. Dr. Bernd Witte, Tel. 0211- 81-1295; e-mail: Witte@phil-fak.uni-duesseldorf.de
'Warum sind wir hier versammelt?' Heine-Symposium in Peking: eine Bilanz
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