Was findet wo im Gehirn statt? Welche Regionen sind bei bestimmten Hirnfunktionsstörungen betroffen? Wie erholt sich das Gehirn nach Schädigungen? Diese Fragen beschäftigen rund 1.100 internationale Wissenschaftler während der "5th International Conference on Functional Mapping of the Human Brain", die von Mittwoch, 23. Juni, bis Samstag, 26. Juni 1999, im Congress Center Düsseldorf stattfindet. Mit der Heinrich-Heine-Universität ist zum ersten Mal eine deutsche Hochschule Ausrichter der Konferenz, die im Wechsel in den USA und Europa abgehalten wird.
Die Wissenschaftler versuchen, mittels funktioneller bildgebender Verfahren die Systemphysiologie des menschlichen Gehirns zu erforschen, einfacher ausgedrückt: Sie wollen eine Landkarte des Gehirns erstellen. "Noch immer sind große Teile des Gehirns weiße Flecken für uns", räumt Prof. Dr. Rüdiger Seitz, stellvertretender Direktor der Neurologischen Klinik an der Heinrich-Heine-Universität ein. Dennoch gibt es bereits beachtliche Erfolge: "Motorik-, Sprach-, Seh- und Hörzentrum sind uns bekannt."
Moderne Technologien, die alle in der Düsseldorfer Neurologischen Klinik und im Institut für Medizin, Forschungszentrum Jülich, eingesetzt werden, machen's möglich. Dazu zählen die Magnetenzephalographie - sie mißt bei Hirnaktivität auftretende Magnetfelder -, die Positronen-Emissions-Tomographie und die funktionelle Kernspintomographie - sie ermöglichen u.a. die Untersuchung der regionalen Hirnfunktion.
Allen bildgebenden Verfahren ist gemein, daß sie diejenigen Areale des Gehirns sichtbar machen können, die bei unterschiedlichen Handlungen aktiv werden. Vor der Ära dieser neuen Technologie war lediglich bekannt, welcher Hirnlappen geschädigt ist, wenn Patienten neurologische Ausfälle haben, beispielsweise nicht mehr den Arm bewegen können.
"Heute sind wir viel weiter", so Seitz. So wissen die Forscher, welche Punkte im Hirn für bestimmte Teilfunktionen verantwortlich sind. Wie greife ich z.B. nach dem Sektglas, wie zum Wassereimer? Für Gesunde unbewußte Handlungen. Bei Kranken mit Störungen der Armfunktion können gleich mehrere Defizite vorliegen. Das Hirn sendet keine Signale, die Armkoordination oder Präzisionsgreifen steuern. Die Korrespondenz zwischen Hirnareal und Funktion bei gesunden Patienten läßt Rückschlüsse darauf zu, welche Schädigung im Hirn zu welchen funktionellen Defiziten führt.
Neben Motorik und Sinneswahrnehmung sind Aufmerksamkeit, Sprachfunktionen und Emotionen ein Schwerpunkt der Konferenz. Welche Hirnregionen sind für sie zuständig? Welche Bedeutung haben sie für das Gedächtnis, das Verhalten? Seitz: "Bisher hat die Neurowissenschaft die Gefühle vernachlässigt. Es setzt sich aber zunehmend die Erkenntnis durch, daß Emotionen das Verhalten, aber auch die ratio ganz wesentlich beeinflussen." Emotionale Intelligenz ist Gegenstand einiger Untersuchungen, die im Laufe der Konferenz vorgestellt werden. Sie beeinflußt das Erkennen einer Gefahr sowie die Reaktion darauf, aber spiegelt sich auch in der Körpersprache wider.
Wie erholt sich das Gehirn nach Tumor oder Schlaganfall? Das ist eine weitere Frage, die im Mittelpunkt der internationalen Konferenz steht. "Das Gehirn kann sich von Läsionen erholen", so Prof. Seitz. Es reorganisiert sich; angrenzende Regionen übernehmen die Funktionen, die normalerweise das geschädigte Areal ausgeführt hätte.
Das Wissen um diese Regionen ist für Neurochirurgen von immenser Bedeutung: "Ein Tumor muß so radikal und gleichzeitig so schonend wie möglich operiert werden. Es wäre tragisch, wenn der Neurochirurg genau in das Areal schneiden würde, das die Funktion des geschädigten übernommen hat", erklärt er.
Erkenntnisse über die Mechanismen der Erholung können Grundlage für therapeutische Strategien sein. Seitz: "Dazu müssen die funktionellen bildgebenden Verfahren noch viel stärker in die klinische Diagnostik eingebunden werden. An der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ist das bereits der Fall - wir sind durchaus auf internationalem Niveau."
Erstmals in Deutschland: Internationale Konferenz zur Landkarte des Gehirns
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