Ein Spanier verliebt sich in eine nackte Marmorstatue in St. Peter in Rom, läßt sich heimlich in den Petersdom einschließen und treibt Unzucht mit dieser Statue. Um zukünftig eine solche Entweihung der Hauptkirche der Christenheit zu verhindern, wird der verführerischen Statue ein metallenes Hemd angezogen.
Diese Statue gibt es tatsächlich: Es handelt sich um die Allegorie der "Gerechtigkeit" am Grabmal des 1549 verstorbenen Papstes Paul III. Diese weibliche Figur war als nackte "Gerechtigkeit" von Guglielmo della Porta geschaffen worden und mußte von dessen Sohn Teodoro della Porta auf Befehl Papst Clemens VIII. in den 90er Jahren des 16. Jahrhunderts "bekleidet" werden.
Die Geschichte mit dem Statuenliebhaber in St. Peter dürfte dagegen eine Legende sein. Als Menschen des Informationszeitalters wissen wir freilich, daß die Bedeutung und die Wirkung einer Geschichte nicht unbedingt von ihrem Wahrheitsgehalt abhängt, sondern von ihrem publizistischen Stellenwert. So schon hier: Die Geschichte mit der frevelhaften Statuenliebe in St. Peter spielte im 17. und 18. Jh. in den Stadt- und Reiseführern, in Reiseberichten, insgesamt in der Kunstliteratur eine so hervorragende Rolle, daß sie gelegentlich den größeren Teil der gesamten Ausführungen zur Ausstattung des Petersdoms einnimmt. Ergebnis: Dank der "schmutzigen" Geschichte wurde die "Gerechtigkeit" am Grabmal Pauls III. zu einem Magneten für Romtouristen (und Rompilger), vergleichbar nur mit der Attraktivität der Mona Lisa oder der Venus von Milo für heutige Parisbesucher.
Im ersten Band der neubegründeten Düsseldorfer Kunsthistorischen Schriften geht der Autor, Prof. Dr. Hans Körner (Foto), dem Phänomen dieser Statuenliebe in St. Peter akribisch nach, sammelt die Varianten, fragt nach den Anfängen dieser Geschichte, nach den Voraussetzungen bei den Statuenliebhabern der Antike und im Werk Michelangelos, dessen weibliche Allegorien der Medici-Grabmäler im 16. Jh. ebenfalls als "Objekte der Begierde" gepriesen (und gehaßt) wurden. Welche Rolle spielte die sensationelle Story etwa in den politischen Auseinandersetzungen der Zeit? In der protestantischen Propaganda oder bei den Rivalitäten der Päpste? Weshalb mußte der Lüstling gerade ein Spanier sein? Es eröffnet sich dabei ein ungewohnter Blick auf ein historisches Verstehen von Skulptur, das Bildwerke ohne größere moralische Bedenken als Sexualobjekte begreifen konnte.
Ein Plädoyer dafür, dieses Verstehen von Skulptur zu revitalisieren, ist mit dieser ersten Publikation des Kreises der Freunde des Seminars für Kunstgeschichte nicht verbunden, wohl aber das Anliegen zu zeigen, daß unser von erotischem Begehren losgelöster Zugang zum Kunstwerk vielleicht die Wohlanständigkeit, nicht aber die Geschichte des Wahrnehmens von Kunstwerken auf seiner Seite hat.
Das Buch "Statuenliebe in St. Peter. Rompilger und Romtouristen vor Guglielmo della Portas Grabmal für Papst Paul III." erschien im Eigenverlag des Freundeskreises des Seminars für Kunstgeschichte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, es hat 76 Seiten, zahlreiche Abbildungen und kostet 15 DM.
Informationen: Seminar für Kunstgeschichte, Tel. 0211-81-12080, Fax 0211-81-12701.
Buchreihe in der Kunstgeschichte: 'Statuenliebe in St. Peter'
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