Die Corona-Pandemie hat Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehr denn je in den Fokus der medialen Öffentlichkeit gerückt. Forschende haben den Verlauf der Krankheit erklärt, Maßnahmen empfohlen und politische Entscheidungen kommentiert. Dabei haben sie von Bevölkerung und Medien nicht nur Zuspruch, sondern auch Anfeindungen in Form von Beleidigungen, Androhungen von Gewalt oder emotionalen wie körperlichen Angriffen erfahren. Auch wer selbst keine unmittelbaren Erfahrungen mit Wissenschaftsfeindlichkeit gemacht hat, konnte mitverfolgen, wie es den Kolleginnen und Kollegen ergangen ist, die sich während der Pandemie öffentlich exponiert haben.
Die Folge: Mittlerweile halten zwei Drittel der befragten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Fachrichtungen öffentliche Anfeindungen für eine ernsthafte Bedrohung der Wissenschaft. Mehr als die Hälfte der Befragten hält es für möglich, selbst Opfer von Anfeindungen zu werden, wenn sie sich öffentlich äußert, so eines der Studienergebnisse. Mehr als ein Viertel der Befragten hält das sogar für ‚wahrscheinlich‘. Prof. Dr. Anja Steinbeck, die Rektorin der Heinrich-Heine-Universität, dazu: „In Anbetracht der derzeitigen Situation und der deutlichen Ergebnisse der Studie ist es umso wichtiger, dass die HHU als Bürgeruniversität die Voraussetzung dafür schafft, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich äußern können, dies fördert und auch anerkennt. Denn die Bedeutung und die Wichtigkeit, die öffentlichen Äußerungen von Forschenden zukommt, besteht ja nach wie vor.“
Das Bedrohungsgefühl hat Konsequenzen für die individuelle Bereitschaft zu medienvermittelter Wissenschaftskommunikation. Seit Beginn der Pandemie hat die Bereitschaft, sich in den Medien (online wie offline) über die eigene Forschung zu äußern, eher ab- als zugenommen. Dass ihre Bereitschaft gesunken sei, sagen rund 29 Prozent der Befragten, dass sie seit Beginn der Pandemie gestiegen sei, sagen knapp 13 Prozent. Gefragt nach ihrer Absicht, sich ‚in absehbarer Zukunft‘ öffentlich zum eigenen Fach zu äußern, winkt knapp die Hälfte der Befragten ab, rund ein Drittel der Befragten verfolgt solche Absichten. Weitergehende statistische Analysen der Daten zeigen an, dass Bedrohungswahrnehmung und Rückzug aus der medialen Öffentlichkeit überzufällig zusammenhängen: Je höher ein Wissenschaftler die Wahrscheinlichkeit einstuft, selbst Opfer von Anfeindungen nach medialen Äußerungen zu werden, desto geringer ist seine Bereitschaft, die eigene Forschung weiterhin in den Medien zu kommunizieren. Interessant ist, dass dieser Rückzug den Bereich der Online-Medien (soziale Netzwerke etc.) stärker betrifft als die journalistischen Massenmedien.
Befragt wurden 8.296 aktive Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (mindestens eine Fachpublikation in den letzten drei Jahren), die über die Datenbank Web of Science identifiziert wurden. Die Befragung erfolgte in zwei Wellen, Ende 2022 (Welle1) und Anfang 2023 (Welle 2). Die Befragten ordnen sich zum Großteil (40,2 Prozent) den Lebenswissenschaften zu, aber auch Sozialwissenschaften, Ingenieurswissenschaften, Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften sind in der Stichprobe prominent vertreten.
„Die Zahlen deuten an, dass die jahrelangen Bemühungen von Politik und Wissenschaftsorganisationen für mehr öffentliches Engagement der Wissenschaft in Folge der Pandemie-Erfahrung einen empfindlichen Rückschlag erlitten haben. Gleichsam ein Long Covid Syndrom der etwas anderen Art“, so Prof. Dr Frank Marcinkowski.
Hinweis: Mit „Scicomm-Support“ ist vor einigen Tagen eine neue, bundesweite Anlaufstelle für Betroffene von digitaler Gewalt diskreditierenden Medienkampagnen und weiteren Formen persönlicher Angriffe und unsachlich ausgetragener Konflikte in der Wissenschaftskommunikation gegründet worden. Hinter der Initiative stehen der Bundesverband Hochschulkommunikation, der Verein „Wissenschaft im Dialog“ , die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und als Partnerin die Hochschulrektorenkonferenz.