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Neue Erkenntnisse zum Tod von Heinrich Heine
Wurde der Poet vergiftet?

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zum Tod von Heinrich Heine. Wurde der Poet mit Blei vergiftet?

Im Sommer 1997 erhielten Dr. med. Wolfgang Huckenbeck, Leiter des Serologischen Laboratoriums am Institut für Rechtsmedizin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Dr. Dr. Harald Kijewski, Arzt und Diplomchemiker am Institut für Rechtsmedizin der Georg-August-Universität Göttingen, zehn Haare vom Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf. Diese Haare stammten nach Angaben der Museumsleitung (Prof. Dr. Joseph A. Kruse) nachweislich aus der Heine-Locke, die dem Poeten seinerzeit von seiner Lebensgefährtin Mathilde abgeschnitten worden sein soll.

Anfänglicher Sinn und Zweck dieser Untersuchung sollte die Bestimmung der Erbmerkmale und eventueller Krankheitsmarker (DNA) sowie die Analyse auf metallenthaltende Therapeutika (Syphilis) sein.

Für die toxikologische Untersuchung wurden sechs Einzelhaarfragmente bereitgestellt. Die mikroskopische und elektronenmikroskopische Untersuchung ergab, daß drei Haare von der Norm abwichen. Ihr Durchmesser änderte sich mehrmals über die Gesamtlänge und es fanden sich Läsionen, wie sie von leichten Intoxikationen her bekannt sind. Insgesamt mußten die mikroskopischen Befunde aber als nicht eindeutig bezeichnet werden.

Für die Metallanalyse mußten bei dem vorliegenden Material höchstsensitive Methoden eingesetzt werden, insbesondere, da neben den vermuteten Quecksilberbestandteilen (Syphilis-Therapie), möglichst auch andere Stoffe miterfaßt werden sollten. Diese Aufgabe erwies sich als ausgesprochen schwierig und gelang nur durch den Einsatz modernster Technik (die sogenannte Totalreflexions- und Röntgenfluoreszenz, kurz: TXRF) bei Dr. Ulrich Reus von der Firma Atomica in München.

Die Analysen ergaben weder einen Hinweis auf Quecksilber noch auf Arsen. Hätte man sich eines Routineverfahrens bedient, wäre für den Quecksilberausschluß sämtliches Material verbraucht worden.

Die Befunde waren viel überraschender: Es fanden sich zwischen 192 und 244 Mikrogramm (mg = ein Millionstel) Blei pro Gramm Haar. Verglichen mit Normwerten (ca. 1,8 mg Blei pro Gramm Haar) kann dies als Indiz für eine Vergiftung angesehen werden.

Besonders interessant wird aber der Ausflug in die Literatur. Heine hat häufig die Symptome seiner Krankheit beschrieben. Und hier finden sich fast alle Erscheinungen der klassischen Bleivergiftung: Speichelfluß, Darmkoliken, Tremor, Mattigkeit der Muskeln und Lähmungen, Gewichtsverlust, Einschränkungen der Atemmuskulatur. Kein typisches Symptom der Bleivergiftung fehlt.

In einem seiner letzten Gedichte widmet Heine seine Beschwerden seinen Feinden:

Ich vermach Euch die Koliken,

die den Bauch wie Zangen zwicken.

Harnbeschwerden, die perfiden

preussischen Hämorrhoiden.

Meine Krämpfe sollt Ihr haben,

Speichelfluß und Gliederzucken,

Knochendarre in dem Rucken,

alles schöne Gottesgaben.


(Romanzero)

Die an den Haaren Heines erhobenen Befunde und die seinerzeit beschriebenen Symptome sollten somit Anlaß sein, die Hypothesen über Krankheit und Tod des Dichters Heinrich Heine noch einmal kritisch zu diskutieren und gegebenenfalls zu revidieren.

Autor/in: Bärbel Broer
Kategorie/n: Pressemeldungen