Wie heute bekannt wurde, verstarb am 19. März 1998 die Ehrensenatorin der Heinrich-Heine-Universität, Dr. Erna Eckstein-Schlossmann, im Alter von 102 Jahren in Cambridge. Die Kinderärztin war die älteste noch lebende Studentin der ehemaligen Medizinischen Akademie - der Vorgängerin der heutigen Universität. Sie hatte ihr Studium im Jahre 1919 begonnen. Mit ihr starb zudem das letzte Gründungsmitglied der Universität.
"Wir trauern um eine große, tapfere und sympathische Frau, der die Zuneigung der gesamten Universität gehörte", sagte Prof. Dr. DLitt h.c. Gert Kaiser, Rektor der Heinrich-Heine-Universität.
Erna Eckstein-Schlossmann wurde am 28. Juni 1895 in Dresden als Tochter des legendären Pädiaters Prof. Dr. Arthur Schlossmann geboren. Ihr Vater hatte 1919 die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs in der Düsseldorfer Akademie für Praktische Medizin durchgesetzt und gilt als eigentlicher "Spiritus rector" der Hochschulausbildung in Düsseldorf. 1995 benannte die Heinrich-Heine-Universität ihre neue Kinderklinik nach ihm.
Dr. Erna Eckstein-Schlossmann war mit dem Kinderarzt Prof. Dr. Albert Eckstein, Direktor der Kinderklinik, verheiratet. Auch ihr Ehemann war ebenfalls an der Düsseldorfer Akademie beschäftigt und in der Stadt hochangesehen. Doch dann begann die Zeit der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Wie die Schlossmanns hatte auch Eckstein jüdische Vorfahren. Er wurde entlassen, ein Leben in Deutschland war nicht mehr möglich.
1935 emigrierte die Familie in die Türkei - ein Exil mit Vorgeschichte. Denn der türkische Staatschef Kemal Atatürk, seit 1923 an der Macht, betrieb einen radikalen Reformkurs auf allen Gebieten. Die lateinische Schrift wurde eingeführt, das Gesetzeswesen an europäischen Vorbildern orientiert, die Hochschulen umstrukturiert. Für diesen gigantischen Sprung vom osmanischen Mittelalter in die westliche Neuzeit brauchte Atatürk hochqualifizierte Fachleute. Systematisch warb die türkische Regierung nun in Deutschland verfolgte, meist jüdische Intellektuelle an: Ärzte, Hochschullehrer, Juristen, Architekten, sogar Musiker und Byzantinisten. Das kleinasiatische Land wurde so zum rettenden Exil für Tausende.
Auch die Ecksteins waren darunter. In Düsseldorf hatte die Gestapo das gesamte Vermögen der Familie beschlagnahmt. Mit zehn Mark in der Tasche bestieg die Ärztin mit ihren drei kleinen Kindern auf dem Hauptbahnhof den Zug in die Freiheit. In den folgenden Jahren baute ihr Mann in der Türkei die Säuglings- und Kinderfürsorge auf. "Die gleiche Aufgabe, die mein Vater um die Jahrhundertwende für Deutschland begonnen hatte", schrieb viele Jahre später Dr. Erna Eckstein-Schlossmann in ihren Erinnerungen.
Mit der Zeit wurde die Familie in der Emigrantenkolonie zu einem Zentrum von Gastfreundschaft und Kommunikation schlechthin. Alle trafen sich hier: Wissenschaftler, alliierte Diplomaten, politische Flüchtlinge aus Deutschland und später aus Österreich. Es wurden deutsche Feste gefeiert - ein bißchen Heimat mit Sankt Martin und Weihnachtsbaum wollte man sich auch in Ankara bewahren. Zum Freundeskreis der Familie gehörten u. a. auch Ernst Reuter und seine Familie, der an der Universität Politikwissenschaft lehrte und später als Bürgermeister von Berlin eine der großen Persönlichkeiten im Nachkriegsdeutschland werden sollte.
Prof. Dr. Eckstein gelang es über seine ausgezeichneten Kontakte zur Diplomatie - er war auch Arzt des gesamten alliierten Diplomatischen Corps in Ankara - und zur türkischen Staatsspitze, mehreren 100 jüdischen Kindern die Einreise nach Palästina zu ermöglichen. Über die Jewish Agency war man über die Vorgänge im Nazi-Deutschland mit seinem KZ-System unterrichtet, auch die Ecksteins verloren viele Angehörige. Die Aktivitäten innerhalb der deutschen Kolonie wurden von Berlin aus sorgfältig überwacht - immer wieder enttarnten die Emigranten Spitzel.
Die Ecksteins blieben bis 1949 in der Türkei. Dann nahm Prof. Dr. Albert Eckstein eine Professur in Hamburg an. Nach seinem Tode kehrte Dr. Erna Eckstein-Schlossmann noch einmal in die Türkei zurück und baute in Ankara ein Kinderkrankenhaus auf. Vorher hatte sie sich in der Düsseldorfer Medizinischen Akademie die notwendigen betriebswirtschaftlichen, verwaltungstechnischen und organisatorischen Erfahrungen geholt.
Dr. Eckstein-Schlossmann kehrte später noch einmal nach Deutschland zurück und wurde Beraterin der UNO für einzelne Projekte. Unter anderem widmete sie sich den Schwierigkeiten der "Besatzungskinder" - eine Frage die gerade bei farbigen Vätern im Nachkriegsdeutschland von großer Aktualität und Brisanz war.
Dr. Erna Eckstein-Schlossmann lebte in den vergangenen Jahren in Cambridge. Doch blieb sie Düsseldorf und insbesondere der Universität immer treu verbunden: Jedes Jahr zur Martinszeit besuchte sie die Landeshauptstadt. 1988 wurde sie Ehrensenatorin der Heinrich-Heine-Universität, der sie auf vielfältige Weise verbunden war. Zudem war sie zunächst Mitglied, später Ehrenmitglied, der Gesellschaft von Freunden und Förderern der Heinrich-Heine-Universität.
Nachruf auf Dr. Erna Eckstein-Schlossmann Ehrensenatorin starb in Cambridge
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