Die neu entflammte Diskussion um die Rechtschreibreform hat abermals viele verunsichert. Wem gehört die deutsche Sprache? Wer ist befugt, zwingende Regeln und Verbindlichkeiten aufzustellen? Volkes Stimme, Hochschullehrer, Verbände oder Journalisten? In besonderem Maße betroffen sind natürlich die Schriftsteller. Ein relativ bekannter ist Henri H., zur Zeit Paris/Montmartre. Mit ihm unterhielt sich Rolf Willhardt.
R. W.: Monsieur Henri, zu den großen Reformern in Deutschland gehörte Martin Luther, der nicht zuletzt in unserer Sprache seine gewaltige Wirkung hinterließ.
H. H.: Luther erschütterte Deutschland - aber Franz Drake beruhigte uns wieder: er gab uns die Kartoffel!
R. W.: Soviel zum Nationalcharakter und deutschen Ernährungsgewohnheiten. Der Streit um die Rechtschreibreform hat mittlerweile kuriose Züge angenommen, da treffen abermals ganze Expertenheere aufeinander...
H. H.: Wie vernünftige Menschen oft sehr dumm sind, so sind die Dummen manchmal sehr gescheit.
R. W.: ???
H. H. (lacht): Weise erdenken die neuen Gedanken, und Narren verbreiten sie...
R. W.: Die Rechtschreibreform ist ja im wesentlichen ein Expertenstreit. Sie selbst haben den deutschen Gelehrten nicht unbedingt Talentlosigkeit vorgeworfen, aber...
H. H. (erregt): Ich glaube, es ist die Scheu vor den Resultaten des eigenen Denkens, die sie nicht wagen, dem eigenen Volk mitzuteilen. Ich habe nicht diese Scheu, denn ich bin kein Gelehrter, ich selber bin Volk!
R. W.: Ihre literarische Karriere begann sehr früh...
H. H.: ... von meinem sechzehnten Jahre an habe ich Verse gemacht...
R. W.: ... aber mit Sprache, ihren Zeichen und Regeln sind Sie natürlich schon früher in Kontakt gekommen. Ist Ihnen noch irgend etwas in Erinnerung?
H. H.: ... und auch die braune Tür, worauf Mutter mich die Buchstaben mit Kreide schreiben lehrte - ach Gott! Wenn ich ein berühmter Schriftsteller werde, so hat das meiner armen Mutter genug Mühe gekostet.
R. W.: Die Rechtschreibreform galt als Jahrhundertwerk und sollte zügig durchgeführt werden. Jetzt droht sie zu kippen. Hat sie überhaupt noch eine Chance?
H. H. (schmunzelt): Jedes Volk hat seine Nationalfehler, und wir deutsche haben den unsrigen, nämlich jene berühmte Langsamkeit; wir wissen es sehr gut, wir haben Blei in den Stiefeln, sogar in den Pantoffeln.
R. W.: Die Notwendigkeit der Reform wird also neu diskutiert. Und der Blick zurück zeigt ja in Ihrer eigenen Familie, daß es auch ohne strenges Regelwerk geht. Ihr Onkel in Hamburg schrieb ein abenteuerliches Deutsch und war trotzdem ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einem Nachlaß von über 200 Millionen Mark. Sie selbst, nichts für ungut, bestanden die Aufnahmeprüfung zur Bonner Uni mit Ach und Krach, immerhin bescheinigte man Ihnen im Deutschen "ein gutes Streben". Und nun ein verordnetes Sprachkorsett? Die Rechtschreibreform - oder die Rückkehr zur alten Schreibweise - vielleicht sogar Zwangsjacken für das Denken?
H. H. (nickt): ... zu schreiben, während das Censurschwert an einem Haare über meinem Kopfe hängt - das ist, um wahnsinnig zu werden!
R. W.: Das hört sich ja alles ganz schlimm an. Nichts Versöhnliches zum Abschluß?
H. H.: Gottlob! Durch meine Fenster bricht / Französisch heitres Tageslicht / Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen / Und lächelt fort die deutschen Sorgen...
Rechtschreibreform: 'Ich selber bin Volk!'
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